Erwin Scherfer: Gałkówek

Mein Bruder (Jahrg. 1960) und ich (Jahrg. 1963) sind späte Nachkriegskinder und Kinder kriegstraumatisierter Eltern. Meine Mutter, sie stammt aus einem hessischen Kurbad, verlor ihren Vater, als sie 16 war. Er kam mit einer Schädel-Hirn-Verwundung aus dem Krieg zurück und starb an den Spätfolgen Anfang 1946. Mein Vater wuchs als Deutscher mit polnischer Staatsbürgerschaft auf einem kleinen Bauernhof in einem von Polen und Deutschen bewohnten Dorf mitten in Polen, in der Nähe von Łódź (Lodsch) auf, wurde nach der Besetzung Polens Soldat der Wehrmacht und blieb es bis 1945, als er sich aus Böhmen nach Deutschland durchschlug. Seine Heimat sah er nie wieder und schaffte es auch nicht, noch einmal dorthin zu fahren, als dies später möglich gewesen wäre. Durch den Krieg verlor er seine Mutter (seit 1945 „vermisst“) und einen Bruder (1944 „gefallen“) sowie seine gesamte Lebenswelt, die in Folge von Okkupation und Krieg unwiederbringlich zerstört wurde. Er lernte unsere Mutter kennen, wurde Bergmann im Ruhrgebiet. Ein Leben mit inneren Ruinen und nicht bestatteten Toten. Erst 11 Jahre nach Kriegsende bekam er wieder Kontakt zu weiteren Brüdern und Schwestern. Er starb im Jahr 2000. Während uns die Heimatstadt unserer Mutter bald vertraut wurde, blieb die Herkunft des Vaters „mythisch“. Galkowek (eigentlich Gałkówek), hieß der Ort, aus dem er war, und der war in Polen, aber was kann man damit als Kind anfangen? Unser Vater vermittelte uns drei, vier Worte polnisch. Ein wenig wurde erzählt, ein paar Bräuche aus seiner früheren Lebenswelt lernten wir durch ihn kennen. Wenig, aber genug, um die Liebe zu Polen, die erhalten geblieben war, zu vermitteln. In den frühen 1970ern reisten noch Schwestern meines Vaters mit ihren Familien aus Polen aus und brachten, obwohl Deutsche, polnische Lebensart mit: Herzlichkeit, Emotionalität, Feiern, bei denen sich die Tische bogen, mit leicht geröteten Gesichtern und lautem Gelächter und Gepruste auf polnisch erzählte Geschichten, deren Inhalt wir wohl nicht verstehen sollten. 2009 folgte ich einem Impuls und suchte über google Gałkówek. Ich wurde fündig. Das Dorf hatte und hat eine lebendige Web-Präsenz. Ich entdeckte dort in der historischen Fotogalerie auch Bilder mit deutschen Aufschriften (was mich überraschte), nahm Kontakt auf, sandte bald Fotos längst verstorbener Verwandter (Deutscher), die ebenfalls ihren Platz auf der Webseite fanden, und seit vergangenem Jahr sogar auf einer Erinnerungstafel auf einem „Wanderweg des Erinnerns“. Der Kontakt etablierte sich zur Leiterin des dortigen Heimatmuseums. Im Laufe der Zeit erfuhr ich Neues über meine Familie, leider nicht nur positives, sondern auch über Verstrickungen. Ein Onkel war Dorfvorsteher und Parteimitglied und mit verantwortlich für Verhaftungen und Vertreibungen polnischer Bauern von ihren Höfen. Bizarrerweise machte ein Onkel meiner Mutter in der nächstgelegenen Kleinstadt gleichzeitig Dienst als Besatzungspolizist, und das auf eine Weise, die ihn sogar unter den damals dort lebenden Deutschen berüchtigt machte. Aus dem Email-Kontakt entwickelte sich Mail-Freundschaft und schließlich reale Freundschaft. Und nicht viel später auch noch eine Partnerschaft zwischen „meiner“ Ortsfeuerwehr und der von Gałkówek. Ich konnte sogar Freundschaft schließen mit einem ehemaligen polnischen Jugendfreund unseres Vaters, einem Onkel eben der Leiterin des Heimatmuseums und des dortigen Ortsbrandmeisters. Als er mich zum ersten Mal sah, sagte er zu meiner Bekannten: „Er sieht aus wie sein Vater, aber er ist größer“. Es stimmte. Aber die beiden hatten sich spätestens nach 1944 nicht mehr gesehen! 1940 hatte der damals 16-jährige einen schlimmen Unfall. Er geriet mit dem Arm in eine Häckselmaschine. Mein Vater, so berichtet der alte Herr, fuhr ihn mit dem Pferde-Fuhrwerk ins Krankenhaus, wo er erfolgreich operiert wurde. Von einem Chirurgen mit jüdischem Namen…. Der OP-Bericht, ich erhielt eine Kopie, war auf deutsch. Heute kann ich jederzeit nach Gałkówek kommen, und jede Ankunft ist ein bisschen wie nach Hause kommen. Ich habe dort Freunde gefunden, und einen direkten, persönlichen Bezug zu dem, was damals geschah. Ich habe die Entwicklung der letzten vier bis fünf Jahre erlebt, als hätte sich eine Lücke gefüllt, als sei eine Brücke geschlagen über eine Kluft, eine Leere, die in Bezug auf mein Leben fast 50 Jahre bestanden hatte. Für mich ist es eine wundervolle, bereichernde, geradezu vervollständigende, also in bestem Sinne heilende Erfahrung gewesen, „Polen“ in mein Leben zu integrieren. Ja, ich bin gerne Polski-Deutscher. Und dämliche Polen-Witze kann ich seitdem noch weniger vertragen (auch in unserer Feuerwehr sind sie nicht mehr „in“). Ich lerne seit ein paar Jahren fleißig polnisch (ohne mich der Illusion hinzugeben, jemals einen Satz wirklich korrekt aussprechen zu können). Es gehört aber dazu, das Dunkle und die Verstrickungen anzusehen. Wohl kaum eine polnische Familie hatte keine Opfer durch die Okkupation. Und dann haben wir ihnen ja auch noch die folgenden 45 Jahre unter sowjetischer Vorherrschaft eingebrockt. Wenn man sich damit befasst, durch was die Polen durchgegangen sind, seit 1939, was ihnen angetan wurde, von uns, und vom anderen großen Nachbarn im Osten, was sie alles durchleiden mussten, dann kann man nicht anders als Demut und Respekt empfinden. Dass zu ignorieren, auch nach 70 Jahren, ist nicht förderlich. Vor knapp zwei Jahren äußerten sich deutsche Kollegen, mit denen ich in Warschau war über Warschau dahingehend, dass die Stadt aber nicht so schön sei, außer der kleinen Altstadt. Aber sie hatten keine Ahnung, warum sie so aussieht, wie sie heute aussieht. Man kann sich denken, was solch unbedachte Äußerungen in Polen auslösen könnten. Dass uns Deutschen, und das ist mein genereller Eindruck, von polnischen Menschen nun wieder so offen und verzeihend die Hand gereicht wird, ist – so denke ich – ein Angebot und ein Geschenk, dass unbezahlbar ist. Wer irgendwelche Wurzeln in Polen hat, dem empfehle ich, wenn er es noch nicht getan hat, sich dem Land zu nähern. Nicht nur mit den Augen und der Brieftasche, sondern vor allem mit dem Herzen. (Und selbstverständlich werden Menschen vage oder abweisend, wenn man neugierig fragt, wer denn wohl früher in diesem oder jenen Haus gelebt habe…, ihr gutes Recht). Eines noch: Irgendwo las ich mal (leider kann ich die Quelle nicht angeben), man könne mit den Polen feiern, und trinken, und feiern und alles sei dufte, und dann stünde aber plötzlich nachts um zwei der von Deutschen erschossene Großvater im Zimmer… Ich glaube nicht, dass das zwangsläufig sein muss. Man kann ihn gleich mit an den Tisch bitten, vor dem ersten Glas, oder noch besser, das erste Glas auf sein Andenken trinken.

(c) Erwin Scherfer, 2014

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In der Rubrik Selbst-Erzählen veröffentlichen wir Texte von Lesern, die einen siebten Sprung gemacht haben.

Comments

  1. Gerhard Scherfer

    Sehr interessant. Ich bin Gerhard Scherfer geb. in Lodz, mit Vorfahren aus Galkovek und bin in Kontakt mit Christoph Scherfer.
    Ich bin fast 80 Jahre jung und hoffe noch lange genug zu leben um den Familienzusammenhang zu ermitteln.
    Kontakt were mir lieb.
    Gary

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